Gemeinsam statt einsam

Hey Alter!

Alter Content 1Als Kind habe ich die gemeinsame Zeit mit Oma und Opa sehr genossen: Sie hatten so viel Geduld und Zeit, haben jeden Quatsch mitgemacht, mir keine Süßigkeiten verboten und die schönsten Geschichten erzählt. Aber ansonsten finde ich alte Menschen eher anstrengend: Sie sind langsam, stehen immer im Weg rum, meckern viel, riechen komisch und erzählen seltsame Sachen. Aber woher kommen meine Vorurteile? Natürlich bringt das Alter auch mit sich, dass Menschen weniger fit und auf mehr Hilfe angewiesen sind, was für sie und ihr Umfeld anstrengend sein kann. Wieso aber denke ich zuerst daran und nicht an alte Menschen, die ein interessantes Leben hatten und die noch immer mit ihren ganzen Erfahrungen am kulturellen und sozialen Leben teilhaben. Und die sich mit viel Energie und Zeitaufwand ehrenamtlich engagieren und sich, obwohl sie vielleicht nicht mehr topfit sind, mit großer Begeisterung um andere Menschen kümmern? Wahrscheinlich, weil ich dafür mit zu wenigen alten Menschen in direktem Kontakt bin. Würde ich den alten Herren, der oft den Fahrradstellplatz zuparkt, besser kennen, wahrscheinlich wäre mir sein Parkstil nicht mehr so wichtig. Was er wohl macht? Vielleicht war er mal Schiffskapitän und hat spannende Geschichten von seinen Reisen auf den Weltmeeren zu erzählen. Oder er war Buchhalter, hat den trockensten Humor und kennt die besten Witze. Und was die alte Dame wohl so macht, deren Hund mich immer heftig anbellt?

Oma und Opa sehe ich kaum noch, sie leben sehr weit weg. Ich hätte trotzdem gerne Menschen in meiner Nähe, die mir tolle Geschichten von früher erzählen, mich mit Kuchen vollstopfen und mir sagen, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur will. Und die sich freuen, wenn ich bei Kleinigkeiten im Alltag helfe: Einkäufe hochtrage, das neue Handy einrichte und zeige, wie man Bilder und Videos anschauen kann oder das Kleingedruckte auf der Telefonrechnung vorlese. Das alles vermisse ich.

Vor ein paar Monaten habe ich die alte Dame mit ihrem Hund gesehen, wie sie sich mit ihren Einkäufen abgemüht hat. Da habe ich direkt gefragt, ob ich helfen kann und ihr die Sachen in ihre Wohnung im zweiten Stock hochgebracht. Kurze Zeit später stand sie auf einmal mit Keksen vor meiner Tür und wollte sich bedanken. Nun stricken wir einmal die Woche zusammen. Und bei unseren Gesprächen haben wir festgestellt, dass es ihr genauso geht wie mir: Sie sieht ihre Enkel, ebenso wie ich meine Großeltern, recht selten und wir beide finden es sehr schade, dass wir kaum Orte in unserem Stadtviertel kennen, an denen sich Jung und Alt begegnen und etwas gemeinsam machen. Wir beide wünschen uns nämlich, dass sich die Menschen in unserer Nachbarschaft besser kennen würden und mehr Gelegenheiten hätten, zusammen zu spielen, zu lachen, zu tanzen, aber auch über Dinge im Viertel zu sprechen, die sie ärgern und die sie gerne verbessern würden. Aber was für Angebote gibt es in unserem Stadtviertel bereits? Wir haben dann im Internet nach Nachbarschaftshilfen und dem Quartierstreff in unserer Nähe gesucht und direkt ein Angebot gefunden, das wir uns nächste Woche gemeinsam anschauen werden: Im Kleiderladen trifft sich einmal die Woche eine Gruppe aus jungen und alten Menschen, die gemeinsam näht und strickt.

 

Was soll sich ändern?

  • Wohnquartiere sollen so gestaltet sein, dass für alle etwas dabei ist und öffentliche Räume ohne Barrieren zugänglich sind. Davon profitieren neben alten Menschen auch behinderte Menschen und Familien. Quartiersarbeit muss einen größeren Stellenwert in der Stadtplanung bekommen und jeder Stadtteil mindestens einen zentralen Quartiersladen haben als Anlaufstelle für alle Stadtteilbewohner(innen), die sich miteinander treffen und austauschen wollen.
  • Menschen eines Stadtteils sollen mehr Möglichkeiten bekommen, ihre Lebensräume mitzugestalten. Bereits in der Planung von Bauvorhaben sollen Gestaltungsbeiräte Einfluss darauf haben. Quartiere müssen Plätze, Grün- und Wasserflächen bieten, die zum Verweilen aller Bewohner einladen. Nur wenn öffentliche Räume auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen, können sie zu Orten der Begegnung aller Generationen werden.
  • Wohnraum muss für alle bezahlbar sein. Stadtteile sollen möglichst vielfältig sein und bleiben, indem Menschen mit unterschiedlichem Einkommen nebeneinander und miteinander wohnen können.